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Rad WM - Wie die Österreicher in Schönheit untergingen

veröffentlicht von Gerry Richter am 2. Oktober 2018
Titelbild @Seiwald

Die Rad WM ist das erhoffte und von mir auch erwartete Volksfest geworden. Tirol und der Wettergott machten unglaubliche Werbung für das Radsportland Österreich. Auch die Athleten machten da brav mit. Die überraschende Goldmedaille für Laura Stigger bei den Juniorinnen war sicher das Highlight aus österreichischer Sicht. Ein Topevent mit einer super Organisation und tollen Bildern, die in 150 Länder der Welt übertragen wurden.

Auch die Fahrweise beim Eliterennen der Herren machte den Medien, den Veranstaltern, Zuschauern und dem Tourismusverband viel Freude. Sie zeigte allerdings aber auch schonungslos die Schwächen in der Denkweise im österreichischen Spitzensport auf, während die Fahrer alles gegeben haben.

Fahrer werden am Tag danach gefeiert

In den sozialen Netzwerken und in den klassischen Medien begegnet man den österreichischen Radprofis nach der WM mehrheitlich positiv, was mich sehr freut. Die Fahrer posteten selbst alle sehr begeistert über die Stimmung und bekommen überall viel Anerkennung. Vor allem heißt es: Die Fahrweise wäre super gewesen.

Mir geht es da allerdings etwas anders. Spätestens seit Luttenberges Zeiten, mache ich nichts anderes, als bei jeder Gelegenheit den Straßenradsport anzupreisen und zu erklären wie gut die sonst relativ unbeachteten Österreicher dabei sind. Nach der RAD-WM in Innsbruck bin ich aber doch vor allem vom taktischem Auftritt der Nationalmannschaft enttäuscht.

Rad WM
Die Österreicher an der Spitze des Feldes @Jan-Hetfleisch

Sportliches Desaster

Für mich war das Rennen am Sonntag ein sportliches oder zumindest ein taktisches Desaster und ich meine nicht, dass hier die meisten Österreicher aufgeben mussten oder der beste – Michael Gogl – “nur” auf Platz 45 landete. Sowas kann in einem solchen Rennen passieren. Ich denke auch, dass die Österreicher alles gegeben haben und grundsätzlich sehr, sehr stark gefahren sind und ihr Talent wieder bewiesen haben.

Ich meine aber die Art und Weise wie das Rennen bestritten wurde. Im Prinzip wurde es von den Österreichern für ein touristisches Schaulaufen genutzt mit absolut keiner Idee wie man dieses Rennen erfolgreich gestalten kann. Die Fokussierung auf nur einen absoluten Kapitän (wie es zumindestens über die Medien immer kommuniziert wurde) fand ich schon im Vorfeld bei einem solchen Eintagesrennen mehr als nur riskant. Aber wenn dem so ist, dann muss man die Aufstellung und Taktik voll auf diese Option ausrichten, was aber so nicht ganz der Fall war.

Für das Publikum oder erfolgreich fahren?

Die Österreicher arbeiteten und arbeiteten @Bettini-Photo

Es war für die Fans und die Bilder im TV sowie für den Tourismusverband in Tirol sicherlich wunderschön die Österreicher gut 100-150 Kilometer an der Spitze des Feldes zu sehen. Auch die Fahrer, allen voran der von mir sehr geschätzte Lukas Pöstlberger, hatten ihren Spaß daran. Die “Fans” jubeln jetzt danach auch wie schön es war die Österreicher so fahren zu sehen und verzeihen ihnen das auch mit dem Nimbus, dass sowieso keiner eine reele Chance hatte.

Es geht um eine einmaliges Ereignis, der Weltmeisterschaft im eigenen Land und da muss man von den Protagonisten erwarten können alles dem Erfolg unterzuordnen und alles heißt, wirklich alles – auch die Außenwirksamkeit. Außerdem muss jeder Starter an die noch so kleine Chance glauben.

Wer hat in dem Fall die Taktik ausgegeben und warum macht man sowas, dass man rund ein-zwei Drittel des Rennens von vorne fährt, wo man wesentlich mehr Energie benötigt? Als das Rennen tatsächlich begann, waren drei Österreicher bereits zur Aufgabe gezwungen! Es wurde im Prinzip so gefahren, dass man den Eindruck bekommen musste, es ginge nur darum das Trikot zu zeigen. Sollte der Kurs ausgerechnet für die Österreicher wirklich von vornherein zu schwierig gewesen sein, kann man die Kursgestaltung bei der Heim-WM auch in Frage stellen. Ein österreichischer Skitrainer setzt seinen Slalom ja auch nicht bewusst gegen das Können seiner Athleten.

Die Fernsehkommentatoren Thomas Rohregger im ORF und Stefan Denifl in Eurosport zeigten sich ebenfalls erfreut, dass die Österreicher sich vorne zeigten und das Rennen aktiv mitgestaltet haben. “Es ist schön die Österreicher so fahren zu sehen. Wenn es nicht klappt hat man sich wenigstens gezeigt” – war da zu hören. Rohregger, der den für die Zuseher extrem spektakulären Kurs gestaltet hat, hatte vor dem Start noch gemeint es geht nur um eines in diesem Rennen: Verstecken, verstecken, verstecken und irgendwie bis zum letzten Anstieg kommen. Das ist bei Weitem nicht gelungen und vor allem es wurde von den Österreichern nie auch nur ansatzweise so gefahren als wolle man das.

Die Spanier, Franzosen, Holländer oder Italiener lachten sich wahrscheinlich schon während des Rennens krumm über die Österreicher. Dank dieser konnten sie nämlich die von Rohregger empfohlene Taktik umsetzen. Bis kurz vor dem Ende war keine von den großen Radsport Nationen zu sehen.

Gerade die Franzosen haben noch ein wenig Verantwortung gezeigt, allerdings auch erst als die Österreicher schwächer wurden. Es kann in einem solchen Rennen nicht die Aufgabe eines Teams mit kleinen Außenseiterchancen sein die Arbeit zu machen.

Für wen oder was ist Lukas Pöstlberger gefahren?

Ich bin ein echter Fan von Pöstlberger, weil er eben solche Sachen kann wie er am Sonntag gezeigt hat – 50 Kilometer im Wind vor dem Feld fahren. Aber wenn er dieses Können völlig sinnlos einsetzt, dann frage ich mich schon was die Taktik war, wofür er gefahren ist und vor allem ob ihm das irgendwer empfohlen hat.

Wäre das Rennen ein übliches Profirennen, etwa ein Frühjahrsklassiker gewesen und die Österreicher wären das so gefahren wie jetzt bei der WM, müssten sie jetzt wahrscheinlich mit einer Abmahnung ihrer Arbeitgeber rechnen. Man ist einfach ins offene Messer gelaufen, anstatt sich an den Strohhalm der kleinen Chance zum Erfolg zu klammern.

Valverde, Bardet, Woods oder Dumoulin, die ersten Vier des Rennens, haben wir erstmals am vorletzten Anstieg bzw. in der Höll gesehen, ihre Teams kurz vorher. Es war allen klar, dass die Devise nur heißen kann so weit wie möglich in die letzten Anstiege zu kommen. Die Österreicher haben sich aber bereits ca. 75-100 Kilometer vorher aus dem Rennen genommen und zwar nicht aufgrund der Rennsituation, sondern aufgrund der eigenen Fahrweise.

Somit sind die Österreicher publikumswirksam in Schönheit untergegangen.

Typisch österreichischer Zugang

Rad WM Österreich
Lukas Pöstlberger verabschiedet sich vom Publikum @Bettini-Photo

Für mich ist das alles leider auch ein ganz typisch österreichischer Zugang. Der Athlet oder das Team, die den Erfolg über alles wollen, werden alles diesem Erfolg unterordnen, egal was links und rechts von ihnen geschieht, was die Presse schreibt und sonst noch alles so passiert. Sie werden sich von nichts ablenken lassen.
Der Österreicher ist manchmal mit den falschen Zielen unterwegs, ist oft zu früh satt und zufrieden, andererseits glaubt er manchmal nicht genug an sich selbst. Auch die Fans und Zuschauer. Hauptsache es sind alle nett zueinander und man tut keinem weh.

Wenn man jetzt nach dem Rennen die Postings in den sozialen Netzwerken von Sportlern und Fans liest, könnte man bis auf wenige Ausnahmen denken, dass am Sonntag auch sportlich alles super war, dass man halt einfach Pech hatte und grundsätzlich ohnehin keine Chance. Dem war aber nicht so, es war einfach auch ganz, ganz schlechte Taktik dabei und dieser Diskussion müssen sich die Sportler stellen um in Zukunft auch wirklich besser zu werden. Man könnte auch sagen, dass den jungen Rennpferden bei der Heim-WM der Narr durchgegangen ist. Die Frage ist dann nur, von wem sie bei einem solchen Event beraten werden, dass so etwas passieren kann und ob es auch eine Reflexion zum Rennen gibt.

Gerade die österreichischen Radfahrer und deshalb bin ich so großer Fan von ihnen, sind grundsätzlich Ausnahmeerscheinungen wenn es um den richtigen Zugang zum Sport geht, wie man vor allem bei ihren Leistungen für ihre Profiteams sieht.

Auch deshalb bin ich jetzt nach der Rad-WM so unzufrieden mit dem Auftritt der Nationalmannschaft und freue mich, wenn alle wieder zu ihren Teams zurückkehren und dort ihre Rollen einnehmen. Die Fahrweise vom WM Rennen könnten sie sich bei ihren Teams nämlich nicht leisten.

Wirklich erfolgreiche Menschen und Sportler lernen ständig dazu, wollen sich immer verbessern. Ich hoffe sehr, dass die Verantwortlichen für den Sportbereich und die Sportler selbst, trotz großen Jubels in der Öffentlichkeit, kritisch auf das Rennen schauen und ihre Schlüsse daraus ziehen.

Die Burschen sind noch jung und es steckt enorm viel Potential in ihnen! Die Rad-WM in Innsbruck wird hoffentlich dem Radsportland Österreich einen weiteren Impuls geben. Jetzt liegt es an Verbänden und Organisationen etwas daraus zu machen.

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2 Kommentare

  • Artikel richtig. Und auch wieder nicht. Der einzige, der das Zeug zu einem Top Platz hatte, war Konrad, mit Abstrichen Preidler. Der wäre so und anders aber eingebrochen. Ein Top 10 Platz bei EINEM Klassiker, das können halt eben viele. Tolle Leistung, aber wenn man sich anschaut wer sonst noch aller ausgeschieden ist, muss man sagen dass das einfach passieren kann. Am Ende gewinnen eben immer die Ausnahmefahrer bzw machen die auch die Top 10 unter sich aus, und einen solchen haben wir nun mal nicht. Somit: man hat das bestmögliche Resultat, nämlich ein ehrenvolles Abschneiden erreicht.

    • Gerry Richter

      Sehe ich nicht ganz so. Die Ergebnisse interessieren mich da auch nicht vorrangig. Wie Sie richtig sagen ist bei einem solchen Rennen alles möglich und es muss alles passen. Ich will mich aber nicht zufrieden geben mit dem Erfolg: „ehrenvolles Abschneiden“, denn ich finde nicht, dass alles für den Erfolg gemacht wurde und für mich ist das ein ganz typisch österreichisches Problem. Jetzt zufrieden zu sein wäre mir zu wenig. Es gehört der nächste Schritt gemacht. Wie gesagt die Burschen haben Riesen Potential und ich denke da geht bei passender Entwicklung und Fokussierung noch mehr.

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