Systemeffekt: Wenn das System Verhalten definiert

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Wenn wir über Erfolg, Ergebnisse aber auch Misserfolge sprechen, dann sprechen wir auch viel über die Eigenschaften einzelner Menschen. Wir schreiben großartige Erfolge einzelnen Menschen zu und wir verurteilen andere für ihr Verhalten, das nicht zu den eigenen Erwartungen passt. Der Blick ausschließlich auf das Individuum greift allerdings zu kurz.

Menschen handeln und entwickeln sich nicht unabhängig von ihrer Umwelt. Sie bewegen sich in sozialen Systemen, in Familien, Teams, Unternehmen oder Organisationen, die durch Strukturen, Regeln, Hierarchien, Kommunikationswege, Entscheidungsprozesse, Beziehungen und gemeinsame Erwartungen geprägt sind.

Diese Systeme, die Umfelder der Menschen, sind daher maßgeblich dafür verantwortlich, welches Verhalten eher hervorgebracht und welches eher verhindert wird. Eine Organisation besteht deshalb nicht einfach aus ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ein Team ist nicht nur die Summe seiner Mitglieder. Die Eigenschaften eines sozialen Systems entstehen wesentlich aus den Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen seinen Elementen. Kommunikation, Informationsflüsse, Entscheidungen, Rollen, Machtverhältnisse und Rückkopplungen erzeugen Muster, die sich auf das Verhalten der Menschen innerhalb des Systems auswirken. Gleichzeitig beeinflusst das Verhalten wiederum das System. Sich selbst verstärkende Rückkopplungsschleifen sind daher an der Tagesordnung.

Das lässt sich im Alltag gut beobachten.

Ein Mensch kann in einem Umfeld außerordentlich engagiert, verantwortungsbewusst und lösungsorientiert sein und in einem anderen System plötzlich genau das Gegenteil zeigen. Nicht unbedingt, weil er sich verändert hat, sondern weil sich die Bedingungen verändert haben, unter denen sein Verhalten stattfindet. Durch das System wird der Mensch destruktiv und sein destruktives Verhalten macht das System noch destruktiver. Irgendwann ist das destruktive System stärker als jedes motivierte Individuum.

Wer in einem Unternehmen immer wieder erlebt, dass eigene Entscheidungen korrigiert, Informationen zurückgehalten oder Fehler sanktioniert werden, wird sein Verhalten daran anpassen. Wer für Initiative regelmäßig zusätzliche Arbeit erhält, während vorsichtiges Abwarten keine negativen Konsequenzen hat, lernt ebenfalls etwas über das System. Irgendwann wird aus „Ich könnte das lösen“ ein „Dafür bin ich nicht zuständig“. Und anschließend wird über fehlende Eigeninitiative gesprochen.

Ähnliches gilt für politische Systeme. Wenn ein politisches System permanent Veränderung ankündigt, gleichzeitig aber über Jahre nicht in der Lage ist, erkennbare Probleme wirksam zu bearbeiten oder überhaupt wahrzunehmen, den Menschen aber Vorschriften machen will, wie sie sich zu verhalten haben, dann entsteht eine Rückkopplung. Menschen verändern ihre Erwartungen an dieses System. Sie verlieren den Glauben daran, entwickeln Abwehr gegenüber weiteren Veränderungsversprechen oder wenden sich schließlich gegen die Akteure, die für dieses System stehen. Auch hier entsteht das Verhalten nicht ausschließlich aus individuellen Einstellungen. Es entsteht im Wechselspiel zwischen Mensch und System.

Entwicklung und Verhalten entstehen nicht im luftleeren Raum

Motivation, Lernen, Wohlbefinden, Leistung und Verhalten sind deshalb nicht ausschließlich individuelle Phänomene. Die Positive Psychologie hat eindrucksvoll gezeigt, welche Bedeutung beispielsweise Autonomie, Kompetenz, soziale Eingebundenheit, positive Emotionen, Beziehungen, Sinn und Stärken für menschliche Entwicklung besitzen. Gleichzeitig reicht eine rein individuelle Betrachtung nicht aus, denn es ist die Umwelt des Menschen, die diese Dimensionen mitbestimmen und gleichzeitig ist es der Mensch, der mit seinem Verhalten seine Umwelt wieder beeinflusst.

Ein Mensch kann noch so motiviert sein. Wenn das System keine Autonomie zulässt, wird Motivation irgendwann zur Belastung. Ein Mitarbeiter kann noch so viele Ideen haben. Wenn das System Abweichungen bestraft, wird Innovation ausbleiben. Ein Team kann aus hochkompetenten Menschen bestehen. Wenn die Beziehungen, Informationsflüsse und Entscheidungsstrukturen nicht funktionieren, entsteht daraus nicht automatisch hohe Teamleistung.

Und genau deshalb reicht es nicht, einzelne Menschen zu entwickeln oder auch in Frage zu stellen. Wir müssen vor allem auch die Systeme beobachten und entwickeln, in denen Menschen agieren, leisten und leben. Das Verhalten des Einzelnen ist oft eine emergente Systemeigenschaft.

Der positive Systemeffekt

Wir benötigen demnach Steuerungsfunktionen in sozialen Systemen, vom Individuum bis zu großen Instituten, die in der Lage sind, mit der Umweltkomplexität in angemessener Weise umzugehen. Das sind Systeme, die relevante Informationen aufnehmen und unterschiedliche Perspektiven integrieren. Systeme, die Entscheidungen dort ermöglichen, wo das notwendige Wissen vorhanden ist. Systeme, die Feedback tatsächlich verarbeiten und aus Erfahrungen lernen können. Das sind auch Systeme, die nicht nur ihre eigene Stabilität und möglicherweise ihre eigene Macht sichern, sondern gleichzeitig Entwicklung ermöglichen. Denn eine innere Stabilität kann nur durch ein dynamisches Fließgleichgewicht im Austausch mit seiner Umwelt erreicht werden.

Genau darum geht es bei einem systemischen Blick auf Menschen, Organisationen und Gesellschaft. Nicht darum, den Menschen aus der Verantwortung zu nehmen. Sondern darum, Verantwortung dort zu übernehmen, wo Verhalten tatsächlich mitgestaltet wird: bei der Gestaltung des Systems.

Denn wenn sich die Umwelt verändert, müssen sich auch die Systeme verändern, mit denen wir in unserer Umwelt agieren. Und wenn wir verstehen wollen, warum Menschen sich auf eine bestimmte Weise verhalten, sollten wir deshalb nicht nur auf den Menschen schauen, ihn verurteilen oder auch huldigen. Wir sollten uns das System ansehen und es auch hie und da hinterfragen.

Denn manchmal ist das Verhalten Einzelner die logische Konsequenz aus den Systemeigenschaften.

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